Organe

Inhalt

An verschiedenen Orten des Hunsrücks werden Leichen gefunden, denen man die Herzen aus dem Leib entfernt hat. Kriminalhauptkommissar Heiner Spürmann und seine Kollegin Leni stehen vor einer großen Aufgabe, zumal die Toten aus Serbien stammen und der Kroatienkrieg alle Spuren ihrer Identität verwischt hat. Wer sind die Täter und welche Motive sind es, die sie zu solch grausamen Taten hinreißen lassen? Sind es dunkle Mächte, die im Okkulten Schwarze Messen lesen und dem Teufel ihre Opfer darbringen? Die Ermittler scheinen einem teuflischen Phantom auf der Spur, doch dann stoßen sie auf einen Hinweis, der sie an einen Ort des Schreckens führt, der das bisher Erlebte in den Schatten stellt.

 

Hannes Wildecker lässt in „Organe“ seine Protagonisten von einem Sumpf in den anderen waten und der Leser wird mit Okkultismus und illegalem Organhandel hautnah konfrontiert. Und wieder ermitteln die Hauptfiguren in den Weiten des Hunsrücks von Zerf über Bad-Kreuznach und Sargenroth bis hin nach Bad Sobernheim. Und wie man es von Wildecker gewohnt ist, kommen Beschreibungen der geografischen Besonderheiten und die Charaktere der Menschen auf dem Hunsrück nicht zu kurz.

Leseprobe

  „Wenn der Baum auf den Felsen fällt, ist er hin.“ Keller wiederholte sich und sah seinen Vorarbeiter, Walter Reinig, fragend an. Reinig war etwa in seinem Alter, etwas schwerfällig und seine Einstellung zur Arbeit ließ zu wünschen übrig, darüber hatte sich Keller schon des Öfteren geärgert.

  So fiel auch seine Antwort aus. „Es gibt Schlimmeres“, antwortete er und Keller zuckte zusammen.   „Was ist das denn für eine Einstellung“, dachte er bei sich und laut sagte er: „Aber den Baum werden wir als Möbelholz dann wohl kaum noch verkaufen können.“

  Keller sah sich den Felsenhügel an. Gute fünfzehn Meter, vielleicht sogar zwanzig mochte er hoch sein und, obwohl er tiefer im Abhang begann, konnte er die Beschaffenheit seines Plateaus nicht einsehen.  

 Eigentlich bestand der riesige Fels aus einem Stück des harten Gesteins, doch an den Seiten wölbten sich vom Regen rund gewaschene Vorsprünge und gegensätzlich dazu kantige und scharf geschliffene Grate, die einem mit ihnen kollidierenden Baum schon sehr zusetzen konnten.

  Die Fäller hatten den Baum inzwischen so weit, dass es nur noch eines Schnitts bedurfte, den Waldriesen zu Fall zu bringen. Die Männer schauten erwartungsvoll zu Keller, der schließlich mit dem Kopf nickte.

  „Denkt an die Sicherheit!“, rief er ihnen zu, um dann in den Wald hinein zu rufen: „Baum fällt!“

  Und dann kam es, wie es kommen musste. „Verdammte Schei…!“ Der Rest des laut gerufenen Fluches von Keller ging im Krachen und Bersten des fallenden Baumes unter, der sich unter den ungläubig dreinschauenden Augen der ihn zu Fall bringenden Holzhauer leicht aus dem „Scharnier“ drehte und im Fall vehement seine Richtung änderte, geradezu auf den riesigen Felsbrocken zu, um ihn, begleitet von einem knochenbrecherischen Geräusch, mit seiner vollen Länge zu treffen. Der Schlag war so stark, dass der elastische Wipfel, der über den Felsen ragte, durch die Hebelwirkung abbrach und auf der gegenüberliegenden Seite des Massivs in die Tiefe stürzte.

  Dann herrschte plötzlich absolute Ruhe. Für ein paar Sekunden schien die Welt still zu stehen. Alle Beteiligten schauten zu dem Baum, der keine Anstalten machte, von dem Felsen abzurutschen und den Hang hinunter zu stürzen. Wie in Zeitlupe wippten seine gewaltigen Äste noch ein paar Mal auf und nieder, dann lag er still, der Koloss, so, als habe er soeben nach kurzem Todeskampf sein Leben ausgehaucht.

   Nun kam auch wieder Leben in die Männer.  „Wir müssen retten, was zu retten ist“, rief Keller seinen Männern zu. „Wir müssen den Baum in den Hang legen.“

  „Dazu müsste einer von uns auf den Felsen klettern, um die Baumspitze mit einem Strick zu versehen.“ Walter Reinig kam auf Keller zu und betrachtete mit diesem gemeinsam die Situation. „Wir könnten an der Krone, ich meine, an dem Teil unterhalb der abgebrochenen Krone einen Strick befestigen, ihn mit vereinten Kräften an der Spitze nach unten auf den Boden ziehen.“

  Keller nickte gedankenverloren. So etwas war ihm schon lange nicht mehr passiert, ihm, der er sich selbst für einen alten Hasen hielt, der jeden Trick in der Holzfällerei kannte. Er schüttelte den Kopf.

  „Du bist anderer Meinung?“ Reinig sah seinen Kollegen von der Seite an.

  „Nein, nein, das ist schon richtig so. Ich war in Gedanken. Du hast ja Recht. Kümmere dich bitte darum. Ein Mann soll da hochklettern!“

  Dann besah sich Keller den Felsen, den er bis dahin mehr oder weniger ignoriert hatte, an, wobei er ihn mit seinen Augen von oben bis unten abtastete.

  „Der sieht aus wie eine Anhäufung von Felsen“, dachte Keller. „Der scheint nicht aus einem Stück zu sein und dennoch hat die Wucht des Baumes es nicht geschafft, Teile davon abzusprengen. Muss schon ein hartes Mineral sein.“

  Sein Blick folgte der Unregelmäßigkeit des Gebildes bis zu dessen Spitze, die aussah, als hätte man eine Figur bilden wollen und als Abschluss einen Kopf obenauf gesetzt. Dennoch musste dort oben noch ein kleines Plateau sein, denn die Wanderer, die er beobachtet hatten, machten es sich gerade neben diesem „Kopf“ gemütlich, hielten eine Brotzeit und ließen die Beine nach unten baumeln.

   Inzwischen hatte Walter Reinig kurz mit der Gruppe Männern gesprochen. Schließlich nickte ein junger Arbeiter kurz mit dem Kopf und trat vor. Er war Mitte zwanzig, klein sportlich und drahtig, mit dunklen gewellten Haaren, einem schmalen Oberlippenbart und … er hatte ausgeprägte O-Beine. Für ihn würde der Aufstieg kein Problem darstellen. Er legte seine Schutzkleidung, die nur hinderlich gewesen wäre, ab, warf sich die Rolle mit dem gut 20 Meter langen Seil über die Schulter und begann den Aufstieg, den ihm die fest an dem Felsen anliegende Buche leichtmachte. Seine gebogenen Beine erinnerten an Steigeisen, wie sie Arbeiter der Post beim Besteigen von Telefonmasten verwendeten.

  Innerhalb kurzer Zeit kam der Mann auf dem Plateau an. Doch er machte keine Anstalten, mit seiner Arbeit dort oben zu beginnen. Er stand wie angewurzelt und Keller hatte schon Bedenken, dass der Mann nicht schwindelfrei sei.

  „Das hätte man ihn doch zumindest fragen können“, dachte Keller und sah Reinig, der, den Helm in der linken sich mit der freien Hand durch das schüttere Haar fuhr, von der Seite her vorwurfsvoll an.

  Doch plötzlich kam Bewegung in den Mann auf dem Felsen. In Windeseile band er das Seil um den abgebrochenen Kronenstumpf, zurrte kurz an dem Seil und ließ sich, mit den Füßen am Felsen abstoßend, an dem Seil nach unten gleiten, die ihm ins Gesicht schlagenden Astenden ignorierend.

  Dann stand er schwer atmend vor Keller und Reinig und in seinen Augen war etwas, was die beiden erschrecken ließ.

  „Was ist los?“ Keller sah den Mann verständnislos an. „Sie sehen aus, als hätten Sie ein Gespenst gesehen.“

  Der Mann, dem tatsächlich alles Blut aus dem Gesicht gewichen war, versuchte seine Atmung in den Griff zu bekommen und zeigte mit seinem rechten Arm nach oben, den Blick nicht von Keller wendend.

  „Da oben…!“

  „Was ist da oben?“

  „Da liegt einer!“

  „Wo?“

 „Na da oben…da oben liegt einer!“ 

„Wie, da oben liegt einer?“

  „Da…da liegt einer. Ich glaube…der ist tot.“

  „Was reden Sie da? Ein Toter? Wie soll ein Toter

da oben hinkommen?“

  Dann dachte er an die zahlreichen Wanderer, die diesen Felsen an vielen Tagen des Sommers bestiegen. Vielleicht war einer alleine dort hinaufgestiegen und einem Herzinfarkt oder sonst etwas erlegen. Er wandte sich an Reinig. „Sieh bitte nach da oben, Klaus! Nein, besser, du bleibst hier unten, wegen der Spuren. Ich verständige Polizei und Notarzt. Vielleicht lebt er ja noch.“

  „Er lebt nicht mehr“, meldete sich der Arbeiter, der sich mit zitternden Händen eine Zigarette anzündete, obwohl er genau wissen musste, dass dies im Wald ausdrücklich verboten war. Keller, der so etwas unter normalen Umständen mit aller Strenge geahndet hätte, ließ es geschehen.   „Wieso sind Sie sich da so sicher? Sie haben sich doch kaum dort oben aufgehalten.“

  Der Mann blickte nach oben zur Felsspitze. „Es hat gereicht, um das festzustellen“, sagte er und sog gierig an seiner Zigarette. „Wenn man kein Herz mehr im Leib hat, dann muss man tot sein.“

© 2014 by h@mu

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