Lautlos

Inhalt

An einer Staustufe wird eine weibliche Leiche gefunden. Hauptkommissar Julian Thalbach kann schnell herausfinden, dass die Tote nicht ertrunken ist, sondern durch Fremdeinwirkung ums Leben gekommen ist.

Offensichtlich wurde sie mittels einer Plastiktüte erstickt. Er macht noch am Fundort eine grauenvolle Entdeckung. Der Mund der Toten ist zugenäht. Bei der anschließenden Obduktion wird eine weitere unmenschliche Handlung zutage gefördert. Die Stimmbänder der Frau sind durchtrennt. Als ein weiterer gleich gelagerter Todesfall bekannt wird, sieht sich Thalbach einer brutalen Mordserie gegenüber, deren Motive er im psychologischen Bereich des Täters zu erkennen glaubt.

Leseprobe

Als Vera das Bewusstsein wiedererlangte, war ihre erste Wahrnehmung eisige Kälte, die ihren Rücken durchflutete und die sich über Ober- und Unterschenkel bis hin zu ihren Fersen ausbreitete.  Ihre Augenlider waren schwer und es fehlte ihren zarten Muskeln die Kraft, sie auch nur einen Spalt zu öffnen. Müdigkeit beherrschte ihren Körper und am liebsten hätte sie sich in den angenehmen Schlaf, aus dem sie gerade erwacht war, zurückfallen lassen.  

Doch irgendetwas ließ sie dagegen ankämpfen. Es war nicht allein die Kälte, die ihren Körper vibrieren ließ. Es war die Stille, die sie umgab. Als es ihr mit großer Anstrengung gelang, die Augenlider einen Spalt zu öffnen, war es die gleiche Dunkelheit wie vorher, als ihre Augen noch geschlossen gewesen waren. Sie tastete mit den Händen an ihrem Körper entlang, suchte die Ursache der Kälte, die ihren Körper durchströmte.

Ihre Handflächen fühlten blankes, kaltes Metall.  Sie erstarrte.

Ich liege auf einer metallenen Unterlage. Was ist das? Wo bin  ich?, schoss es ihr durch  den  Kopf und Panik breitete sich wie ein elektrischer Stromstoß in ihrem Körper aus. Sie öffnete erneut ihre Augenlider, die sich gegen ihren Willen wieder geschlossen hatten, es änderte nichts. Die Dunkelheit blieb.  

Sie drehte den Kopf nach links und war verwundert darüber, dass ihr alleine diese kleine Bewegung große Mühen bereiteten. Dann versuchte sie, auf der rechten Seite etwas zu erkennen, doch wohin sie auch sah, es umgab sie schwarze Dunkelheit.

Ist etwas mit meinen Augen, dachte sie panisch. Kann ich etwa nicht mehr sehen?  Ist es Tag oder Nacht? Mein Gott …

Vera tastete mit der Hand nach dem, was sie an Kleidung an ihrem schlanken Körper trug und erschrak abermals. Ihre Hände tasteten von ihrem Hals abwärts über ihre Brust und ihren Bauch bis zu den Oberschenkeln, soweit ihre Arme reichten. Ein Nachthemd, stellte sie, inzwischen vor Kälte zitternd, fest. Ich trage ein Nachthemd und weiter nichts.

Was um Himmels Willen geschieht mit mir?

Veras Mund war trocken und sie hatte einen Geschmack im Mund, den sie nicht zum ersten Mal in ihrem Leben verspürte. Sie erinnerte sich. Als man ihr vor einigen Jahren den Blinddarm im städtischen Krankenhaus und sie  aus  der  Narkose erwacht war, hatte sie den gleichen Geschmack im Mund.  

Damals rührte er von einer Narkose her. Es war ein süßsaurer Geschmack gewesen, der ihre Geschmacksnerven einige Tage lang begleitet hatte und einherging mit Übelkeit, so dass sie sich mehrfach erbrechen musste. Heute war ihr nicht schlecht, aber der Geschmack! Es war der gleiche wie damals. Wie nach der OP vor einigen Jahren.

Eine Narkose? Wo befinde ich mich hier? In einem Krankenhaus?  Sie versuchte sich zu erinnern. Ihre Gedanken rasten und machten ihr einen Rückblick auf die vergangenen Stunden unmöglich.  Nein, ich bin nicht krank. Ich hatte auch keinen Unfall.

Oder doch?  

Es kommt vor, dass man sich nach einem Unfall hinterher  nicht  mehr  an  das  Geschehene  erinnern kann, überlegte sie. Aber sie hatte keine Schmerzen am Körper.  Nein, ich hatte keinen Unfall! Selbst wenn, das hier ist kein Krankenhaus, wiederholte sie ihre Gedanken. In einem Krankenhaus liegt man auf einer warmen Matratze. In einem Krankenhaus ist es hell, man kümmert sich um den Patienten.

Die Unterlage, die ihrem Körper die Wärme entzog, war aus Metall. Aus blankem, kaltem Metall. Dazu die Dunkelheit, die auch dann nicht endete, wenn sie mühsam die Lider einen Spalt öffnete.

 „Hilfe!“

Der Schmerz in ihrem Hals erstickte den Schrei im Ansatz. Die Kehle brannte ihr wie Feuer und plötzlich hatte sie den Geschmack von Blut auf der Zunge. Sie schluckte die Flüssigkeit, die sich im Inneren ihres Mundes bildete, und schrie erneut vor Schmerzen auf. Doch es war ein lautloser Schrei, keine Silbe hatte dabei  ihren Mund verlassen, der Hauch ihres Atems und ein leises Flüstern waren die einzigen Geräusche, die zu ihren Ohren drangen. 

Sie verspürte einen schmerzhaften Reiz im Hals und als sie husten wollte, war es, als stoße ihr jemand ein brennendes Eisen in die Kehle. Und je mehr sie versuchte, sich zu artikulieren, umso schmerzhafter brannte es in ihrem Hals. Erst  jetzt  wurde  ihr  bewusst,  dass  alles,  was soeben passierte, ohne einen Laut geschah. Selbst als sie hustete, nahm sie kaum das ihr vertraute Geräusch wahr.  Vera  formte  mit  den  Lippen  einen  Satz, trotzdem entsprang  kein Wort ihrem Mund,  alleine der Schmerz tobte in ihrer Kehle wie glühende Kohle.

Sie versuchte sich zu räuspern, doch es verließ nur ein leises Zischen ihre Atemwege, begleitet von dem brennenden Schmerz, der ihre Gegenwart bestimmte. Ihr Herz schlug so stark und so schnell, dass sie glaubte, es müsse jeden Moment zerspringen. Noch immer konnte sie nicht einordnen, wo sie sich befand, was mit  ihr geschehen  war. Sie nahm alle Kraft  zusammen und versuchte sich aufzurichten. Sie benutzte dabei ihre Ellbogen und schließlich gelang es ihr, sich auf den Unterarmen aufzustützen. Mit letzter Anstrengung wollte sie ihre Beine anziehen, um mit einer Drehung in eine sitzende Position zu gelangen. Doch ihre Beine bewegten sich nur wenige Zentimeter, bevor die Bewegung, begleitet von einem metallischen Geräusch,  jäh gebremst wurde. Vera wehrte sich gegen  den  Widerstand, der ihre Beine beherrschte, doch das Zerren gegen die unbekannte Gewalt, begleitet durch metallisches Gerassel, blieb ohne Erfolg.

Ich bin gefesselt! Man hat meine Füße an das, worauf ich liege, gefesselt. Was geschieht hier?  

 „Hilfe!“

Es blieb ein lautloser Schrei voller Schmerzen in der Kehle, und die Tränen, die ihr in die Augen schossen, rannen als kalte Tropfen nach hinten in ihr blondes Haar.  Dann hörte sie Schritte, irgendwo, außerhalb des Raumes, die sich langsam näherten.  Tack … tack … tack!  

Ein schmaler Lichtstreifen  drängte sich durch den Türspalt über dem Fußboden, der Vera trotz ihrer nahezu geschlossenen Augenlider wie gleißendes Flutlicht vorkam.  

Ich kann sehen! Ich bin nicht blind!

Irgendetwas wie Freude mischte sich in ihre panische Angst. Ein Quäntchen nur, aber es war ein kleiner seelischer Balsam auf dem gequälten Herzen, dessen Wirkung jedoch abrupt verflog. Die Schritte endeten vor der Tür, nur das Scharren von Schuhsohlen war kurz zu vernehmen. Der Lichtschein unter der Türe wurde mehrmals unterbrochen und schließlich zu einem Teil abgedeckt. Dann war es still. Vera lauschte mit geschlossenen Augen, als könne sie die Dunkelheit und die Tür durchdringen und mit ihren Gedanken all das wahrnehmen, was hinter dieser Tür vor sich ging. Irgendjemand stand dahinter und würde zu ihr hereinkommen. Insgeheim wünschte sie einerseits, dass die Person draußen bliebe, andererseits hoffte sie, dass sie möglicherweise Hilfe für sie bedeutete.

„Hilfe!“  

Es war ein Ruf voller Hoffnung, doch es blieb ein ungehörter Ruf. Der Schmerz in ihrer Kehle war wieder da. 

Endlich hörte sie ein metallenes Geräusch.  

Ein Schlüssel wurde ins Schloss gesteckt.

© 2014 by h@mu

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