Mein ist die Rache

Inhalt

Eine brutale Mordserie an verschiedenen historischen Plätzen auf dem Saar-Hunsrück-Steig ruft Hauptkommissar Heiner Spürmann und seine Kollegin Leni Schiffmann auf den Plan. Im Zuge der Ermittlungen stoßen sie auf einen vor acht Jahren bei Losheim begangenen Selbstmord eines jungen Mädchens und stellen schon bald eine Verbindung zu den grausamen Verbrechen her, deren Motive ebenfalls in dem saarländischen Ort ihren Ursprung haben.

Leseprobe

Maria denkt. Sein kleines Mariele. Sein einziges Kind. Sein Blick verdunkelt sich gleich wieder. Seit einem Jahr lebt Maria drüben in den Staaten. Hat einen reichen Ami kennen gelernt, der hat sie mit rüber genommen und geheiratet.

Henri war noch nie in Amerika. „Ich werde mein Mariele besuchen!“, verkündet er bei jeder Gelegenheit in seiner Kneipe. „Ich werde Urlaub in Amerika machen!“

  Kalle steuert den Van hinter Baldringen und Vierherrenborn die Bundesstraße abwärts und fährt in den Kreisverkehr nahe Zerf ein. Zweihundert Meter später lenkt Kalle den Van aufeinen Parkplatz.

  „Alles aussteigen, Pinkelpause!“ Kalle schaltet den Motor aus und streckt sich. Nacheinandersteigen die vom Alkohol bereits jetzt schon leicht Angeheiterten aus und schlagen sich in die Büsche. Das Bier am Nachmittag fordert sein Recht.

Es ist siebzehn Uhr, keine Eile ist angesagt. Das Brauhaus läuft nicht davon. Und Bier, ja Bier gibt es da weiß Gott genug.

  Als erster kommt Norbert Nörtiger aus dem Gebüsch, der Jüngste der Gastwirtstruppe, die Spuren seiner Erleichterung unterhalb der Gürtellinie auf dem rechten Hosenbein tragend.

  „Nob“ ist die Ausnahme, was das Gewerbetreiben angeht. Während sich die anderen alle der Gastronomie verschrieben haben, besitzt Nörtinger einen kleinen Stehimbiss mitten in der Stadt. Von der Bratwurst über die Frikadelle bis hin zu Schaschlik und Fritten kann man bei ihm alles bekommen.   Doch der Verzehr erfolgt im Stehen, an der Theke, aber auch an den wenigen Tischen, deren Tischplatten erst in Bauchnabelhöhe enden. So hat Nob auch nur wenige Stammgäste. Meist Touristen oder Besucher vom Lande und ab und zu ein Stadtstreicher, wenn der sich durch Betteln ein paar Kröten zusammengespart hat, sind seine Gäste.

  Er braucht auf niemanden Rücksicht zu nehmen, und so öffnet er am Morgen gegen elf Uhr und schließt am Abend um die gleiche Zeit. Seine Lebensgefährtin Elvira hilft ihm dabei und auch heute vertritt sie ihn, wenngleich sie für diese Sauftour, wie sie den Trip der Gruppe nennt, kein Verständnis hat.

  „Ich kann mir solche Extratouren nicht leisten“, beschwerte sie sich bei Nob, der nur kurz auflachte. „Ein Mann muss eben tun, was ein Mann tun muss!“, warf er ihr entgegen und weder sie noch er wussten mit dieser Aussage so richtig etwas anzufangen.

  „Aufsitzen, es geht weiter!“ Kalle steigt in den Van und startet den Motor. „Der Braumeister wartet, wird`s bald!“  

  Die letzten Kilometer bis nach Losheim verlaufen auf gerader und ebener Strecke. Sogar die angefangenen halbvollen Bierflaschen bleiben von selbst auf dem Tisch stehen. Der Bierkasten ist weit über halb leer, als die Gruppe in Losheim eintrifft. Alle sehen noch verhältnismäßig frisch aus, bis auf Manni, der wohl die Pinkelpause zum Anlass nahm, hinter den Büschen noch ein wenig an seinem Flachmann zu saugen.

  Kalle lenkt das Fahrzeug auf den Parkplatz der privaten Brauerei und betrachtet sich ein letztes Mal im Spiegel. „Alles okay“, denkt er. „Dann lassen wir doch mal alles auf uns zukommen.“

  Und so wird es, wie geplant, ein feuchtfröhlicher Abend. Das Bier der Brauerei ist frisch und läuft, ohne anzuecken, durch die Kehlen der geübten Gastronomen. Kein Wunder, denn eine Schweinshaxe vorneweg hat für eine solide Unterlage gesorgt. Die Bedienungen in ihren Dirndln und der prallen Oberweite haben es insbesondere Kalle angetan. Aber außer Bedienen ist da nichts drin. Als er einer der prallen Damen an den Hintern greift, kommt es fast zu einer tätlichen Auseinandersetzung mit dem männlichen Personal.

  Manni ist es, der gegen neun Uhr an diesem Abend auf die Idee kommt, noch eine Gaststätte im Ort aufzusuchen. „Ist doch vielleicht gemütlicher als hier in diesem Trubel“, meint er. „Vielleicht können wir in der Stadt was aufreißen. Zurück hierher können wir doch noch immer.“

  Eine Abwechslung kommt auch den anderen gerade recht. Und „Aufreißen“, das ist es eigentlich, was alle wollen. Schließlich ist das hier eine Männertour.

  Unterwegs ist der Druck auf die Blase dann doch so groß, dass Kalle das Gefährt erst einmal auf einem kleinen freien Platz, neben dem Radweg, rund zwei Kilometer von der Stadt entferntabstellt und alle in Reih und Glied die Bäume düngen.

  „Ich glaube, das wird nichts mehr heute Abend!“ brummt Maathes vor sich hin. „Wo sollen wir jetzt noch ein paar Weiber herbekommen?“

  „Alter Schwarzseher!“ Diese beiden Worte von Kalle klingen vorwurfsvoll, so als hege er keinen Zweifel daran, heute noch zum Schuss zu kommen. „Wenn in Losheim nichts los ist, fahren wir halt weiter, nach Merzig oder Schmelz, wir werden sehen!“

  Aus der Ferne kommt ein Lichtschein auf die Männer zu und sie können erkennen, dass es sich um eine Radfahrerin handelt, die, obwohl es für die Jahreszeit noch ausreichend hell ist, bereits den Dynamo auf den Vorderreifen gelegt hat.

  Die Männer schauen sich ohne Worte an und stellen sich mitten auf den Gehweg, so dass die  Radfahrerin keine Möglichkeit sieht, als ihr Rad anzuhalten. Auf der einen Seite des Radweges hindert sie das Gebüsch am Weiterfahren, auf der anderen Seite der Van von Kalle.

  Die junge Frau sieht die Männer fragend an. „Dürfte ich bitte weiterfahren? Ich habe es eilig. Seien Sie so nett!“

  „Männer wie wir sind immer nett.“ Kalle drängt sich in den Vordergrund und nähert sich der Frau. „Wollen Sie einen Schluck mit uns trinken? Auf den schönen Sommer, auf den lauen Sommerabend?“

  „Bitte, lassen Sie mich durch!“, fleht die junge Frau, die Kalle auf Anfang Zwanzig schätzt.  Durch den Auftritt von Kalle bestärkt, kommen auch die anderen und bilden einen Kreis um das Mädchen, das breitbeinig dasteht, ein Bein auf dieser, das andere auf jener Seite des Damenrades. Ihr seidenartiges Trägerkleid fällt locker bis knapp über die Knie, Strümpfe trägt sie keine, lediglich weiße dünne Socken in den halbhohen Turnschuhen. Das Kleid ist von oben bis unten mit Knöpfen versehen, die bis zum Hals geschlossen sind. Die junge und schlanke Figur drückt sich in jugendlicher Unschuld durch das eng anliegende Kleidungsstück.

  Kalle betrachtet die junge Frau von oben bis unten und sieht triumphierend seine Kollegen  an. „Ist sie nicht süß? Und so außer Atem von der Anstrengung!“

  Tatsächlich ist die Frau vom Radfahren erhitzt. Ihr Atem geht schnell und die Aufregung tut ihres dazu, dass es auch nach diesem Stopp so bleibt.

  Die junge Frau nimmt alle ihre Kraft zusammen und sagt mit bestimmtem Tonfall: „Bitte, lassen Sie mich weiterfahren!“

  „Kuck mal, die Kleine!“, meldet sich jetzt auch Manni Reuter, bestärkt durch das Verhalten von Kalle, das nun auch die anderen erreicht. „Sie soll uns doch etwas Gesellschaft leisten!“

  „Ja, soll sie!“, sagt jetzt auch Nob Nörtinger, obwohl es ihm lieber wäre, man würde die Frau in Ruhe lassen und stattdessen weiter nach Lebach oder Merzig fahren. Aber er will sich solidarisch verhalten. „Einer für alle, alle für einen!“, hat Karl immer gesagt. So soll es auch sein!

  „Henri, so ruhig?“ Kalle sieht aus den Augenwinkeln zu Leyenhofer, der als einziger noch keine Regung zeigt.

  „Alles in Ordnung, Kalle. Die Frau soll mit uns im Wagen noch etwas trinken. Ist doch nicht zu viel verlangt, oder?“ Damit hat er seine Schuldigkeit getan, hat auch etwas zu der Situation beigetragen.  

  „Also, junge Frau, auf ein Gläschen!“ Kalle macht eine einladende Handbewegung in Richtung des Van und fasst die Frau am Arm.

  „Lassen Sie mich los oder ich schreie!“

  „Ach, die Dame will schreien? Wer soll ihr denn zuhören? Sie trinken jetzt ein Glas mit uns, dann können Sie weiterfahren!“, sagt Kalle und seine Stimme hat sich dabei verfinstert. Er drängt, gefolgt von seinen Kollegen, die ein gemeinsames Schäferstündchen immer näherkommen sehen, Frau und Fahrrad in Richtung des Fahrzeuges.

  „Hilfe! Hilf…!“ Weiter kommt die junge Frau nicht, denn Kalle hält ihr den Mund zu und zieht sie mit Gewalt zur Fahrzeugtür, die Manni bereits geöffnet hat. Es ist eine Schiebetür, die ausreichend Platz bietet, um mehrere Personen gleichzeitig einsteigen zu lassen. Maathes hat das Fahrrad gepackt und es der Frau entwunden. Er stellt es hinter dem Van ab und während seine Kollegen die wimmernde Frau in das Fahrzeuginnere zerren, deckt er das vordere Kennzeichen mit herumliegenden Ästen ab. Dann eilt auch er zu der Schiebetür, steigt ein und verschließt die Tür hinter sich.

  Was sich im Inneren des Van abspielt, könnte nicht einmal ein vorbeikommender Fußgänger erahnen, denn die Frau hat sich inzwischen in ihr Schicksal ergeben. „Lieber Gott, gib mir Kraft!“, betet sie zwischen den groben Stößen der Peiniger, die sie, einer nach dem anderen, besteigen. „Verzeih Ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun!“

Drei Tage nach diesem Vorfall findet man eine junge Frau auf den Gleisen der Bahnlinie von Losheim nach Merzig, am Ortsende von Losheim, zerschmettert von einem ICE, dessen Führer nach dem Aufschlag psychologische Hilfe in Anspruch nehmen muss. Der Fall wird nach Abschluss der Ermittlungen zu den Akten gelegt. Suizid, kein Fremdverschulden erkennbar, heißt es im Abschlussbericht der Saarbrücker Kriminalpolizei. Es ist keine Seltenheit, dass der Freitod auf den Schienen der Bundesbahn gesucht wird. Es ist ein schneller Tod, der aber dem Leichenbestatter alle Mühen abverlangt, die Leichenteile fein säuberlich aufzulesen und sie mit den Plastiktüten im Blechsarg zu verstauen.

  Auch die bis zur Unkenntlichkeit deformierte Leiche der jungen Frau verlangt den Dienern des Todes diese Arbeit ab. Wohin sie die Rechnung dafür senden, das wissen sie inzwischen. Celine Raphael hieß das junge Ding, war gerade mal zwanzig Jahre alt und wollte Nonne werden. Die Ermittlungen bei den Angehörigen ergeben, dass Celine Raphael sich zu Gott berufen fühlte und ihre Entscheidung der Familie bereits mitgeteilt hatte.  Der Grund für den plötzlichen Freitod der jungen angehenden Ordensfrau beschert ihrem Heimatort allen Grund für Spekulationen. Ein Abschiedsbrief existiert nicht. Jedenfalls hat niemand, weder die Polizei, noch die Angehörigen, so wurde es jedenfalls behauptet, einen solchen gefunden oder gesehen.

  So schließt sich die Akte über Celine Raphael, um vorübergehend um für ganze acht Jahre Ruhe in den Kellern der Gerichtsbarkeit zu finden.

© 2014 by h@mu

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